Interview mit Prof. Gries und Prof. Schlichte...
Interview mit Prof. Gries und Prof. Schlichter, ITA Group

Wenn nicht jetzt, wann dann?

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Stefan Schlichter & Thomas Gries (Source: ITA)
Stefan Schlichter & Thomas Gries (Source: ITA)

Seit Sommer 2021 präsentiert sich die ITA Group als International Centre for Sustainable Textiles. Die ITA Group besteht aus dem Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen University (ITA) als Kern und mehreren Ausgründungen und Tochtergesellschaften, die spezifische Marktbedürfnisse und Themen aufgreifen. Direktor des ITA und ITA Group als Ganzes ist Prof. Dr. Thomas Gries. Zur ITA Group gehört auch das ITA Augsburg, das von Prof. Dr. Stefan Schlichter geleitet wird. Wir sprachen mit Prof. Gries (TG) und Prof. Schlichter (STS) über die Biotransformation der Textiltechnik und damit die Nutzung biologischer Prinzipien für kreislauforientierte Wertschöpfungsprozesse.

Herr Prof. Gries, die ITA Group ist nun seit dem 1. September als ITA Group International Centre for Sustainable Textiles aufgestellt. Warum jetzt?
TG:
Wir alle möchten unseren Beitrag zum Klimawandel leisten. Die EU verweist in ihrer neuen Sustainable Product Initiative nicht umsonst verstärkt auf ein hohes Maß an Umweltschutz und die Verbesserung der Umweltqualität. Jetzt erreicht der Klimawandel durch Klimakatastrophen vor unserer Haustür wie die Überschwemmung von Juli 2021 im Ahrtal eine weitere schreckliche Dimension. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wir müssen an den wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen forschen und neue Technologien schnell in die Umsetzung bringen. Der Klimawandel wartet nicht. Die enge Zusammenarbeit von Industrie und Forschung ist dabei ein wichtiger Baustein. Damit das klappt, sind neue Kooperationsformate notwendig.
Allerdings sind Förderprogramme noch nicht agil genug. Bürokratie ist eine hohe Einstiegshürde. Häufig wird zudem getrennt gefördert: Grundlagenforschung, Wirtschaftsnahe Forschung und irgendwo auch Startups. Gemeinsam lässt sich mehr erreichen.

Herr Prof. Schlichter, am ITA Augsburg gibt es eine neue Modellwerkstatt Recycling. Bitte erläutern Sie uns Ihren Ansatz zu diesem Thema.
STS:
Recycling von Textilien ist eine zentrale gesellschaftliche Notwendigkeit gemessen an der sehr geringen Wiederverwendungsquote von Textilien. Dieser großen Herausforderung begegnen wir mit einem klaren und innovativen Lösungsansatz, der 3 wichtige Elemente enthält:

  1. Durch das Konzept der Modellwerkstatt fokussieren wir unseren Lösungsansatz darauf ein technisch, wirtschaftlich und ökologisch sinnvolles Produkt zu schaffen, bevor wir uns mit der verfahrenstechnischen Umsetzung beschäftigen.
  2. Unser Ziel in allen Teilschritten der Lösung ist auf ein hochwertiges Endprodukt ausgerichtet (Upcycling), denn es gibt keinen sinnvollen Markt für minderwertige Recycling-Produkte, was im Übrigen das Hauptproblem der aktuellen Misere des textilen Recyclings kennzeichnet.
  3. Viele textile Produkte sind heute nicht gut gestaltet im Sinne der Nachhaltigkeit und des Recyclings (unnötige Materialkombinationen, schlechte Auflösbarkeit von Verbindungen, etc.). Diesem Aspekt begegnen wir mit einer klaren Strategie des Design 4 Recycling, die auch den nächsten Lebenszyklus des Produkts im Blick hat.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Welt und die internationale Zusammenarbeit in den folgenden Jahren unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit verändern?

TG: In den 70ern und z.T.  noch bis in die Jetztzeit haben wir uns verhalten, als sei die Erde mit all ihren Ressourcen unendlich. Nun sind wir durch die aktuelle Situation gezwungen, jede unserer Handlungen und Aktionen zu überdenken. Das sieht man ja bereits jetzt unter dem Gesichtspunkt Corona: auf einmal konnte nicht mehr gereist werden, das gab der Digitalisierung einen großen Vorschub. Doch Digitalisierung ohne den Einsatz erneuerbarer Energien kann nicht nachhaltig sein. Durch Corona haben wir aber auch gelernt, dass das reine „digitale Sehen“ persönliche Treffen ergänzen, diese aber nicht ersetzen können. So sind wir nun gefordert, uns zum einen Äquivalenzen zu überlegen und zum anderen in jedem einzelnen Punkt unseres Tuns nachhaltig zu sein.

STS: Die textilen Wertschöpfungsketten sind heute von starker internationaler Arbeitsteilung geprägt, die nur auf die wirtschaftliche Optimierung der Endprodukte ausgerichtet ist. Hier wird unter dem Aspekt der ökologischen Sinnhaftigkeit die Bewertung von Logistikaufwendungen dazu führen, dass stärker lokalisierte Zulieferstrukturen entstehen werden. Es kann schließlich keinen Sinn machen, die textilen Abfälle zunächst in weit entfernte Billiglohnländer zu schaffen, um sie da aufzuarbeiten und wieder zurückzuschicken. Selbstverständlich werden die textilen Zentren in Asien und Afrika dafür andere Aufgaben im Sinne der Nachhaltigkeit wahrnehmen, wie z.B. die Erzeugung biologisch nachhaltigerer Faserstoffe.

Wo sehen Sie Ihre Institute in den nächsten 10 Jahren unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit?

TG : Unser Hauptziel für die nächsten Jahre ist die ganzheitliche Biotransformation der Textiltechnik und damit die Nutzung biologischer Prinzipien für kreislauforientierte Wertschöpfungsprozesse und die Umstellung textiler Wertschöpfungsketten von erdöl-basiert auf bio-basiert. Mit dem BMBF-geförderten Projekt BIOTEXFUTURE für einen Innovationsraum haben wir ein Projekt, um einen maßgeblichen Beitrag zu leisten. Dazu gehören z.B. die Schließung von Rohstoffkreisläufen, die Reduzierung des Energie- und Wasserverbrauchs für Produktionsprozesse und das Prinzip "Design for Recycling" als grundlegendes Paradigma der Produktentwicklung.

STS: Die ITA-Gruppe hat die Kompetenz und was noch wichtiger ist, den Willen ihr gesamtes Handeln unter das Leitmotiv der Nachhaltigkeit zu stellen. Auf diese Weise können und werden wir der international führende Forschungsdienstleister im Bereich nachhaltiger textiler Prozesse und Produkte werden. Hilfreich ist dabei unsere auch heute schon internationale Struktur mit einem System von Länderbeauftragten und Stützpunkten in wichtigen Märkten wie Indien, Südkorea und der Türkei.

Welche Rolle sollte die (textile) Industrie einnehmen, um nachhaltiger zu werden? Wie könnten Sie dies als Institute mit Ihrer Kompetenz beeinflussen?

TG: Die Textilindustrie hat nicht selten eine Vorreiterrolle in der Industrialisierung gespielt. Dessen sollte sie sich wieder bewusstwerden und mit gutem Beispiel vorangehen. Klimafreundlich herstellen, langfristig nutzen und nachhaltig recyceln sollten die tonangebenden Claims in der Textilindustrie sein. Es muss entlang der Wertschöpfungsketten gedacht und gehandelt werden, um wirklich etwas zu ändern. Dazu kommt, dass alle Beteiligten in den Veränderungsprozess eingebunden werden müssen:  Vom Rohstoff entlang der textilen Produktionskette bis zu den Nutzern der Produkte - einschließlich der Wiederaufbereitung und des Recyclings, auch im Sinne eines Upcycling. Erforderlich sind sowohl regulatorische Eingriffe in den Markt als auch Veränderungen in den Einstellungen und im Verhalten der Marktteilnehmer.

Grundsätzlich müssen in der Forschung Synergieeffekte genutzt werden, um den interdisziplinären Austausch zu ermöglichen. Es gibt keine einfachen Lösungen, die Forschungsfragen sind komplex und können nur mit einem ganzheitlichen Ansatz und transdisziplinär gelöst werden.

Haben Sie eine Empfehlung für den Verbraucher – wie sollten wir uns verhalten, um nachhaltiger zu werden?

TG: Es gibt bereits viele Initiativen oder Start-ups mit innovativen Ideen in der Textilbranche. Auch das ist nichts Neues. Recyclingtechnologien und „grün“ sind spätestens seit der Ölkrise immer wieder im Gespräch. Von den Verbrauchern wird gern der Wunsch nach lokal produzierten Waren geäußert. Eine Herausforderung ist sicherlich, dass auf das "talking-green" ein "acting-green" folgt. Was man bei der dezentralen Produktion von Rohstoffen oder Biopolymeren beachten muss, ist, dass die Energie aus nachhaltigen Quellen stammt. Energie aus nachhaltigen Quellen zu gewinnen, bedeutet aber auch, dass die Rohstoffe sicherlich um den Faktor 5 bis 10 teurer werden. Der Kunde muss bereit sein, den Preis für die lokale Produktion, eine teurere Rohstoffquelle und eine kleinere Produktionseinheit zu zahlen. Um diese Bereitschaft beim Kunden zu erzeugen, muss er wiederum richtig informiert werden.

Wir sollten uns „weg von Fast Fashion“ bewegen - ein Weg kann sein, weniger zu konsumieren, länger zu behalten und mehr wertzuschätzen.

STS: Als Verbraucher müssen wir realisieren, dass die billigsten Textilien mit ständig wechselnden Designs (die von meinem Vorredner Fast Fashion) nicht gleichzeitig nachhaltig sein können. Wenn Textilien wenig oder gar nicht getragen weggeworfen werden, ist dies ein Zeichen, wie wenig Wert Qualität und auch Nachhaltigkeit in unserem Denken bezüglich Textilien haben. Diesem Trend müssen wir mit neuen Materialien, einer funktionsbezogenen Gestaltung und neuen Nutzungsmodellen begegnen, um neuartige Textilien mit interessanten und dauerhaften Funktionen auf den Markt zu bringen, die den Verbraucher begeistern können.

Herr Prof. Gries und Herr Prof. Schlichter, wie können Sie durch Ihre Zusammenarbeit nachhaltiger werden?

TG: Indem wir uns noch besser abstimmen in der Forschung und Industrie als zuvor. Prof. Schlichter und ich haben das Glück, uns schon sehr lange zu kennen, und zwar sowohl aus der Industrie als auch aus der Forschung. So vermeiden wir doppelte Arbeit und doppelte Verwertung von (Roh-)Stoffen, Energie, Wasser, etc. und sind so natürlich auch nachhaltiger.

STS: Wir ergänzen unsere Kompetenzen synergetisch und ermöglichen so die Erforschung und Entwicklung effizienter neuer Systeme und nutzen auch unsere lokalen Netzwerke in Abstimmung miteinander.

Hat sich Ihre Zusammenarbeit unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit verändert?

TG: Unsere gemeinsame Zielausrichtung steht im Zeichen der Nachhaltigkeit, d.h., alle Forschungsprojekte in unseren beiden Instituten müssen sich thematisch mit der Nachhaltigkeit befassen und hier einen gesellschaftlichen Mehrwert erarbeiten. Auch unsere tägliche Arbeit bei Meetings und Dienstreisen muss mit unserer ressourcenschonenden Strategie verträglich sein. Grundsätzlich stimmen wir uns mehr ab als zuvor, wir arbeiten tatsächlich „dichter“ zusammen, wenn ich das so ausdrücken darf. Das inkludiert persönliche Kontakte und Themenschwerpunkte.

STS: Indem wir alle unsere Projekte unter den Leitsatz der Nachhaltigkeit stellen, haben wir unsere Vorgehensweisen programmatisch miteinander abgeglichen und finden so einfacher und schneller die richtigen Lösungen, die auch im Sinne der Effizienz und der Lösungsgüte nachhaltig sind.

Das Gespräch führte Mechthild Maas, Redakteurin TextileTechnology, Frankfurt/M.

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