Interview mit Prof. Dr. Thomas Gries, ITA Aac...
Interview mit Prof. Dr. Thomas Gries, ITA Aachen

Von der Herzklappe bis zur Heckklappe

Prof. Thomas Gries (l) in an interview with Mechthild Maas (r), editor of TextileTechnology (Source: dfv)
Prof. Thomas Gries (l) in an interview with Mechthild Maas (r), editor of TextileTechnology (Source: dfv)

Prof. Dr. Thomas Gries - 20 Jahre Direktor am ITA

Prof. Dr. Thomas Gries übernahm im April 2001 als Nachfolger von Prof. Dr. Burkhard Wulfhorst den Lehrstuhl für Textilmaschinenbau an der RWTH und die Leitung des Instituts für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen. Wir sprachen mit ihm über Integration, über wichtige Entwicklungen und die hohe Quote an Zwillingsgeburten bei den Wissenschaftlern des ITAs.


Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 20. Jubiläum als Direktor am Institut für Textiltechnik (ITA), Herr Prof. Dr. Gries. Können Sie uns kurz beschreiben, wie das ITA vor 20 Jahren aufgestellt war und was sich in besonderem Maße in diesen 20 Jahren verändert hat?

Vielen Dank! Prof. Dr. Wulfhorst hat mir ein „gut bestelltes“ Institut mit ersten internationalen Kooperationen und einer Forschergruppe für Medizintextilien überlassen. Die Forschung und Entwicklung von Textilien wurde als Ergänzung und Substitut der bestehenden Werkstoffe vorangetrieben und es entstand eine enge Anbindung an die Industrie. Dabei wollte ich zum einen die Forschungsansätze vergrößern und zum anderen die Zusammenarbeit mit der Industrie intensivieren. Faserbasiert kann eine unglaublich hohe Anwendungsbreite bedeuten: Wir sprechen gerne „von der Herzklappe bis zur Heckklappe“ - große Gestaltungsmöglichkeiten, vielfältige Werkstoffe und Werkstoff-Kombinationen, komplexe Prozessketten und eine starke Funktionalisierung ist alles möglich. Die Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Industrie war mir schon immer sehr wichtig: Wir forschen nicht für den „Elfenbeinturm“, sondern für die Industrie, um durch Forschung das Leben der Menschen zu erleichtern und die Industrie voranzubringen.

Gemessen an den heutigen Ausmaßen war das ITA vor 20 Jahren wesentlich kleiner.

Um diese Ziele zu erreichen, wünschte ich mir eine größere Anzahl von Promovierenden. Aus 29 Wissenschaftlern zu Zeiten von Professor Wulfhorst sind inzwischen 100 Promovenden und Post-Docs geworden. Am ITA sind insgesamt 350 Mitarbeiter tätig und auch das Budget hat sich von 2,7 Mill. € auf 15 Mill. € mehr als verfünffacht. 2009 konnten im Institutsneubau INNOTEX in Aachen alle Mitarbeiter aus 3 Standorten und alle Maschinen zusammengeführt werden.

Prof. Wulfhorst (l) and Prof. Gries (r) in April 2001 (source: ITA)

Erläutern Sie uns bitte noch etwas genauer den Ausbau der Kooperationen und die zunehmende Internationalisierung.

Heute beschreiben wir das ITA als international, interdisziplinär und integrativ.

Als ich als Institutsleiter anfing, waren die Kooperationen eher national. In Aachen im Drei-Länder-Eck mit Belgien und den Niederlanden haben wir eine strategisch günstige Lage in Europa, auch Frankreich ist sehr nah. Wir haben uns in den letzten zwei Jahrzehnten stark auf europäische Industriekontakte fokussiert. Mein Grundsatz war immer, dass Forschung der Industrie nutzen soll. Deshalb haben wir im Dezember 2002 eine Vertriebsgesellschaft gegründet, die ITA GmbH (Rechtsnachfolger der damaligen 3T TextilTechnologieTransfer GmbH): Das ITA und die ITA GmbH dienen als Kooperationspartner im F&E-Bereich sowohl für den Textilmaschinenbau und die Textilindustrie als auch für den Technologietransfer in andere Industriezweige. Das ITA schafft neues Wissen entlang der gesamten textilen Kette und ist der Ansprechpartner beim Kunden für anwendungsbezogene und auf die Kundeninteressen abgestimmte Forschung. Die ITA GmbH entwickelt für den Kunden Forschungsergebnisse weiter und transferiert sie in sein Unternehmen. Dies ist unser Beitrag zur Integration.

Zum anderen bilden wir Promovenden aus, die wir als Doktoren in die Industrie entlassen, meist in Führungspositionen. Daraus bilden sich im besten Fall gute Kooperationen, auf die wir aufbauen können.

Durch die steigende Anzahl der Wissenschaftler*innen stieg u.a. auch der Grad der Internationalisierung an. Das ITA pflegt seit Jahrzehnten gute Kontakte in viele Länder der Welt und tauscht Studierende und Wissenschaftler*innen aus. Ich habe das systematisiert und so gibt es jetzt für wichtige Länder und Regionen Länderbeauftragte, die die Kontakte jeweils pflegen und koordinieren. Dadurch ist die Anzahl an Gastwissenschaftlern am ITA erheblich gestiegen und wir führen auch mehr bi-nationale Projekte durch.

Welche Vorteile und Optionen haben sich besonders aus diesen Kooperationen entwickelt?

Durch die Kooperation mit Korea haben wir ein weiteres Gebäude über unsere Vertriebsgesellschaft erwerben können, aus dem dann im November 2016 das Smart Textronics Center Aachen hervorging. Im September 2017 wurde dann in Ansan City, Korea, ein zweites Smart Textronics Center eröffnet. Hier haben wir einen Schulterschluss durch unsere Kompetenzen im Bereich Textil mit den koreanischen Kompetenzen im Bereich Elektronik geschafft, aus der sich eine langjährige Partnerschaft entwickelt hat.

In März 2017 wurde aus einer Kooperation der ITA GmbH mit McKinsey das Digital Capabiliy Center (DCC) in Aachen eröffnet. Hier werden seitdem vorzugsweise klein- und mittelständische Kunden durch die digitale Lernfabrik mit vollständig realisierter Prozesskette auf dem Weg in den Bereich Industrie 4.0 und in die Digitalisierung unterstützt und begleitet. Im DCC sind auch weitere innovative Bereiche wie 4D-Druck und Digitalisierung angesiedelt – Bereiche, die sonst evtl. nicht erschlossen worden wären.

(Source: ITA)

Gab es in den letzten 20 Jahren auch Veränderungen in Bezug auf die Zusammenarbeit und den Austausch mit der Wirtschaft?

Natürlich, nicht zuletzt Corona hat uns vor die Herausforderung gestellt, gute persönliche Kontakte und Treffen digital unter Beweis zu stellen und unter den gleichen Bedingungen neue, tragbare Wirtschaftsbeziehungen zu knüpfen. Waren Messen, Treffen und Meetings weltweit noch das Maß aller Dinge, müssen wir uns nun verstärkt den Umweltthemen und der Nachhaltigkeit widmen. Dazu möchte jede Industrie immer individualisierter bedient werden.

Was sind die größten Herausforderungen für die nächsten 20 Jahre und welche Themen könnten das ITA am meisten prägen?

Energieeinsparung, Umweltverträglichkeit, Nachhaltigkeit, Achtsamkeit sind meines Erachtens wichtige Themen. Hier müssen wir neue Konzepte entwickeln, damit wir weiter vorne bleiben. Wir arbeiten an vielen wichtigen Themen, allen voran am Programm BIOTEXFUTURE. Gemeinsam mit adidas und vielen anderen Projektpartnern teilen wir die Vision, die textile Wertschöpfungskette von erdölbasiert auf biobasiert umzustellen.

Das ITA ist zudem ein großer und wichtiger Arbeitgeber in Aachen. Was zeichnet Ihre Mitarbeiter und Sie als Arbeitgeber aus?

In jedem Fall eine große forscherische Breite und Flexibilität. Die Promovierenden sind zu einem großen Teil weiblich. Ich freue mich darüber, dass sich seit meiner Amtseinführung in 2001 die Anzahl der Doktorandinnen auf über 30 % erhöht hat.

Ein Aspekt, der auch zu den steigenden Promovendenzahlen beiträgt, ist sicherlich, dass ich – selbst Vater von 2 Kindern - am ITA Teilzeitmodelle für Eltern eingeführt habe. Es war sogar geplant, einen ITA-Kindergarten zu errichten, was allerdings an den Bauvorschriften scheiterte.

Jedes Jahr kommen bei unseren ITA-Mitarbeitern 5 – 10 neue Kinder zur Welt und interessanterweise ist die Zwillingsquote am ITA ca. 5x höher als im Durchschnitt. In den letzten Jahren hatten wir 4 Zwillingsgeburten. Ob dies mit unseren spannenden und innovativen Forschungen zu tun hat, haben wir bisher noch nicht herausgefunden – aber vielleicht lässt sich das eines Tages auch noch wissenschaftlich belegen.

Das Gespräch führte Mechthild Maas, Redakteurin TextileTechnology während der Frankfurk Fashion Week in Frankfurt/M.

 

 

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