Interview mit Georg Dieners, Oeko-Tex: Schütz...
Interview mit Georg Dieners, Oeko-Tex

Schützt unseren Planeten für zukünftige Generationen

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Georg Dieners (Source: Oeko-Tex)
Georg Dieners (Source: Oeko-Tex)

Politik und Wirtschaft haben sich zum Ziel gesetzt, die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen und die CO2-Emissionen in der Bekleidungsindustrie bis 2030 um 30 % zu senken. Jetzt sind praktische Lösungen gefragt, die in großem Maßstab skalierbar sind.Georg Dieners ist seit Januar 2015 Generalsekretär der Oeko-Tex Association, Zürich/Schweiz. Wir sprachen mit ihm über den Weg von Oeko-Tex zu einer nachhaltigen Welt in der Textilindustrie.

Was hat sich bei Oeko-Tex seit der Einführung des Standard 100 by Oeko-Tex 1992 geändert?
Unternehmen und Konsumenten dabei zu unterstützen, verantwortungsbewusste Entscheidungen für sich selbst, den Planeten und zukünftige Generationen zu treffen, war schon immer unsere Mission. Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte erlangte unser Anliegen auch in der Gesellschaft und Politik immer mehr Relevanz. Wissenschaftliche Daten dienen mehr und mehr als Basis für das kollektive Wissen, wie wir den Planeten als unsere Lebensgrundlage schützen können. Bei Oeko-Tex nutzen wir stets die aktuellsten Daten, um sicherzustellen, dass unser Portfolio auf dem neuesten Stand ist. Seit 1992 haben wir neben dem Standard 100 by Oeko-Tex weitere Zertifikate und Labels eingeführt, die stetig wachsende Nachfrage am Markt generieren:

Ähnlich zum Standard 100 by Oeko-Tex, der weltweit zu den bekanntesten Labels für schadstoffgeprüfte Textilien zählt, ist auch der Leather Standard by Oeko-Tex ein Produktlabel. Er bezieht sich auf Lederartikel aller Herstellungsstufen einschließlich der verwendeten Zubehörmaterialien.

Unser Produktlabel Made in Green by Oeko-Tex umfasst eines der beiden oben genannten Produktlabels und stellt zudem sicher, dass das Textil- oder Lederprodukt mit nachhaltigen Verfahren unter sozialen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Dies geschieht durch die Zertifizierung der Betriebsstätte nach STeP by Oeko-Tex (Sustainable Textile & Leather Production).

Made in Green by Oeko-Tex konnte allein im letzten Jahr einen Zuwachs von über 100% erlangen, denn es deckt ganzheitliche Anforderungen ab und bietet Verbrauchern und Unternehmen umfassende Transparenz: Anhand einer eindeutigen Produkt-ID oder einem QR-Code auf dem Label ist nachvollziehbar, in welchen Ländern und Produktionsbetrieben der etikettierte Artikel hergestellt wurde.

Eco Passport by Oeko-Tex ist ein unabhängiges Zertifizierungssystem für Chemikalien, Farb- und Hilfsstoffe der Textil- und Lederindustrie. In einem mehrstufigen Prozess analysieren wir, ob jeder einzelne Inhaltsstoff der chemischen Produkte den gesetzlichen Anforderungen entspricht und nicht gesundheitsschädlich ist.

Und schließlich zielt unser Verifikationssystem Detox to Zero by Oeko-Tex darauf ab, die Kriterien der Detox-Kampagne von Greenpeace in den Produktionsstätten umzusetzen. Dies ist keine Zertifizierung, sondern ein Analysetool zur Optimierung und Überwachung des Chemikalienmanagements und der Abwasserqualität.

Gibt es Neuentwicklungen im Oeko-Tex Portfolio?
Um Unternehmen und Verbrauchern stets die neuesten Standards zu garantieren, werden alle zugrunde liegenden Kriterienkataloge mindestens einmal jährlich auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder gesetzlicher Vorgaben aktualisiert.

Made in Green by Oeko-Tex ist mit seinem transparenten und ganzheitlichen Ansatz derzeit definitiv einer unserer relevantesten Standards. Da Transparenz derzeit eine der größten Herausforderungen – und Anforderungen – der Branche ist, wächst der Druck auf alle Akteure entlang der Textil- und Lederwertschöpfungskette, ihre Klimaauswirkungen zu messen, zu verstehen, zu verbessern und zu kommunizieren.

Um die von Politik und Wirtschaft verfolgten Ziele zu erreichen, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen und den CO2-Ausstoß in der Bekleidungsbranche bis 2030 um 30 % zu reduzieren, sind nun praxistaugliche und in großem Maße skalierbare Lösungen gefragt. Um diese Entwicklung voranzutreiben, entwickeln wir derzeit das Oeko-Tex Carbon & Water Footprint Tool, das 2022 in das STeP by Oeko-Tex Zertifizierungssystem integriert wird. Es wird Unternehmen helfen, die aktuelle Datenlücke in der Berichterstattung zu schließen und ihre größten Emissionstreiber zu identifizieren, damit sie präziser agieren und Umweltauswirkungen schneller entgegenwirken können. Um möglichst genaue Daten zu liefern, wird das Tool direkt aus Branchen-Insights gespeist, die auch in Zukunft kontinuierlich angepasst werden.

Im Bereich Rohfasern bewegt sich der Trend weg von erdölbasierten Materialien hin zu biobasierten Materialien. Wird dieser Wandel in den nächsten 20-30 Jahren für die gesamte Industrie möglich sein?
Wenn wir den gesamten Bedarf der Industrie auf rein biobasierte Materialien umstellen, würden wir neben massiven biologischen Problemen zum Beispiel in den Bereichen Landnutzung und Tierschutz auch auf anwendungsbezogene Fragen stoßen, zum Beispiel im Bereich der technischen Fasern. Daher hat sich Oeko-Tex seit jeher nicht nur auf biobasierte Materialien, sondern auf einen ganzheitlichen Ansatz fokussiert. Hier sehen wir große Chancen beim Thema Recycling – und mit unserem oben erwähnten Oeko-Tex Water & Carbon Footprint Tool, die Branche mit digitalen Innovationen zu unterstützen.

Wie könnte eine nachhaltige Textil- und Bekleidungsindustrie in der Zukunft aussehen?
Zuallererst müssen wir in Transparenz investieren, um ein umfassendes Bild davon zu gewinnen, wo wir wirklich stehen. Zu echter Transparenz gehören für uns auch die menschenrechtlichen Belange und damit eingehende soziale Arbeitsbedingungen. Das nächste Thema wäre die Optimierung der Wertschöpfungskette und ihrer Fasern. Kreislauffähigkeit und Recycling sind hier die wichtigsten Faktoren, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Bei Oeko-Tex werden wir dabei immer versuchen, die Branche mit all unserem Wissen zu unterstützen, wir sind aber auch überzeugt: Insgesamt müssen wir weniger, aber besser produzieren.

Wie sehen Sie hier die Rolle der Industrie und was ist die Rolle der Konsumenten?
Die Industrie muss Verantwortung übernehmen und wie ich gerade sagte, mit Oeko-Tex werden wir immer versuchen, ein wertvoller Partner zu sein. Wir sind überzeugt, dass die Zusammenarbeit auf eine andere Ebene gehoben werden muss, um langfristig erfolgreich zu sein. Industrie, Politik und Verbraucher müssen ihren gerechten Anteil tragen. Vor allem die Verbraucher sind sich möglicherweise noch nicht bewusst, wie viel Macht sie haben, da sie die Branche mit ihren Kaufentscheidungen direkt beeinflussen können. Hier sehen wir es als unsere Pflicht, die Wissensbildung und damit ihr Handeln durch entsprechende Informationen kontinuierlich zu unterstützen.

Was werden die größten Herausforderungen der globalen Textilindustrie nach der COVID-19 Pandemie sein?
Wie in den meisten anderen Branchen stehen Nachhaltigkeit und Digitalisierung ganz oben auf der Agenda der internationalen Textil- und Lederindustrie. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich auf freiwilliger Basis viel getan, vor allem im Bereich Nachhaltigkeit. Durch die Covid-19-Pandemie wurden jedoch die Schwächen der Massenindustrie aufgedeckt: Lieferketten wurden unterbrochen, ein Überschuss an Produkten kam nicht in den Handel und viele Menschen in den Produktionsländern verloren ihren Arbeitsplätz und damit auch ihre Lebensgrundlage. Bei diesen ökologischen und sozialen Herausforderungen haben Gesellschaft und Unternehmen erkannt, dass eine Neuausrichtung der Branche notwendig ist: Produktlebenszyklen müssen überdacht und Produkte umwelt- und menschenfreundlich hergestellt werden. Die Politik greift nun ein und Unternehmen beginnen – ob freiwillig oder getrieben von Verbrauchern und Gesetzen – ihre Produktion umzustellen. Es liegt noch ein sehr langer Weg vor uns, aber bei Oeko-Tex sind wir optimistisch, dass wir mit unserem Ansatz, wissenschaftliche Daten zur Verbesserung der Branche zu nutzen, auch langfristig zum Gemeinwohl beitragen können.

Das Interview führte Mechthild Maas, Redakteurin melliand Textilberichte, mit Georg Dieners, Generalsekretär der Oeko-Tex Association, Zürich/Schweiz

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