Interview mit Amrei Becker and Lukasz Debicki...
Interview mit Amrei Becker and Lukasz Debicki, ITA

Textilrecycling und Technologien für die Zukunft

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Amrei Becker and Lukasz Debicki
Amrei Becker and Lukasz Debicki

Ab 2025 sollen Altkleider und andere Textilien in ganz Europa getrennt gesammelt werden, um Wiederverwendung und Recycling zu erleichtern.  Welche industriellen Recyclingmöglichkeiten für Textilien gibt es schon jetzt?
Lukasz Debicki (LD): Gesammelte Alttextilien werden heutzutage entweder als Second-Hand Ware wiederverwendet oder beispielsweise in Form von Putzlappen weiterverwendet. Darüber hinaus gibt es verschiedene Recyclingverfahren. Bekleidungs-, Haus- und Heimtextilien werden häufig mechanisch recycelt und zu Dämm- oder Füllstoffen verarbeitet. Die Textilien werden gerissen, wodurch Flächen bis zur Einzelfaser aufgelöst werden. Diese können dann zu besagten Vliesstoffen oder – wenn die Fasern eine ausreichende Länge aufweisen – zu Stapelfasergarnen weiterverarbeitet werden. So können auch Mischmaterialien recycelt werden. Textile Abfälle werden zudem verbrannt oder deponiert.
Amrei Becker (AB): Sortenreine Industrieabfälle   wie zum Beispiel Fasern aus Polyester oder Polyamid, die beim Anfahren der Schmelzspinnanlage entstehen, können teilweise regranuliert und zu einem geringen Prozentsatz dem Prozess wieder zugeführt werden. Auch in der Garnproduktion aus Naturfasern ist das Zurückführen von Resten möglich. Außerdem gibt es eine chinesische Firma, die schon heute das chemische Recycling von getragenen Polyester-Uniformen durchführt. Die Textilien bestehen aus 100 % aus PET und werden gezielt für das Recycling wieder gesammelt.

Welche innovativen Verfahren werden demnächst auf den Markt kommen?
LD: Im Entwicklungsstadium befinden sich zurzeit vor allem die lösungsmittelbasierte Trennung und verschiedene chemische Recyclingverfahren. Bei der lösungsmittelbasierten Trennung wird das gewünschte Polymer mit einem Lösungsmittel selektiv abgetrennt und anschließend zurückgewonnen. Das Produkt kann zu neuen Fasern versponnen werden. Das Verfahren kann für zellulosische sowie synthetische Materialien verwendet werden. Sehr vielversprechend scheint zudem das chemische Recycling von synthetischen Textilien, da hierbei die Polymere in ihre Grundbestandteile, wie Monomere, oder kurze Polymerketten, Oligomere, zerlegt werden. Diese Bausteine können im Anschluss wieder zu neuwertigen Polymeren ohne Eigenschaftsverlust zusammengesetzt werden. Die größte Herausforderung ist der Umgang mit Störstoffen. Vor allem Farbstoffe sind schwierig vollständig zu entfernen. Das Anfärbeverhalten der aus dem Recyclingmaterial hergestellten Textilien kann dann etwas anders sein als bei Neuware.

Wie können wir die Menge der zu recycelnden Textilien erhöhen? Was sind die größten Herausforderungen für das Recycling von Textilien?
AM: Der erste Schritt zu mehr Textil-zu-Textil Recycling ist eine Erhöhung der Anteile gesammelter Textilien. Hier sind nicht nur die Bekleidung oder Haus- und Heimtextilien aus dem Altkleidercontainer, sondern auch technische Textilien und kaputte Textilien, die heute im Restmüll landen, einzubinden. In Deutschland werden etwa 75 % der Textilien aus privaten Haushalten gesammelt. In vielen anderen europäischen Staaten sind es nur 10 - 20 %. Um Textilien im nächsten Schritt hochwertig zu recyceln benötigt man möglich klar definierte Stoffströme. Die zu generieren ist bei den heutigen Materialmischungen aber fast unmöglich. Das sogenannte Design for Recycling mit beispielsweise weniger Mischmaterialien, Recycling-verträglichen Beschichtungen oder leicht abtrennbaren Kurzwaren ist unglaublich wichtig. Und zwar nicht nur in einer kleinen Kollektion mit der dann viel Werbung aber wenig Umsatz gemacht wird, sondern soweit es geht flächendeckend.
In der Zukunft kann dann in der heute komplett manuellen Textilsortierung mit Hilfe von Scannern die Recyclingfraktion materialbasiert sortiert werden. Ich stelle mir vor, dass so Fraktionen mit einem Mindestanteil von einem speziellen Material sortiert werden. Als nächster Schritt könnte es in Zukunft noch eine Vorbereitung zum Recycling geben. Darunter verstehen wir zum Bespiel die Abtrennung von Kurzwaren oder die Erhöhung der Schüttdichte. Heute wird das fast gar nicht gemacht.
Je nach Fraktion kann dann entschieden werden wie recycelt wird. Wichtig ist, dass wir die entsprechende Abfallfraktion mit dem richtigen Recyclingverfahren nach ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten „matchen“. Daran arbeiten wir auch am ITA und wir sehen, dass die Robustheit vieler Recyclingverfahren noch nicht ausreichend ist, um Textilien hochwertig zu verwerten. Ich denke hier vor allem an den Umgang mit textiltypischen Fasermischungen und Additiven und weitere Störstoffe aus der Produktions- und Nutzungsphase.
Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage des Standorts für das Recycling. Zum einen fallen viele der Abfälle bei uns in Europa an, zum anderen stehen Spinnanlagen, Textilmaschinen und die Konfektion – zumindest für Bekleidungstextilien – eher in Asien. Werden diese Produktionen wieder zurück nach Europa kommen?

Gibt es einen Zeitplan wann und wie die europäische Textilindustrie komplett zirkulär werden kann?
LD: Ja, ein Plan wurde vor kurzem in der „EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien“ veröffentlicht. Eine komplette Zirkularität ist eine große Herausforderung und teilweise abhängig von den Regularien und der Akzeptanz in der Industrie und Bevölkerung.

AM: Auch ist eine zirkuläre Wirtschaft nicht mit einer nachhaltigen Wirtschaft gleichzusetzen. Wenn wir weiterhin so viel konsumieren, eine Überproduktion von Bekleidungstextilien von über 30 % und die Zerstörung von Online-Retouren dulden und diese Materialien dann recyceln ist das zwar nett, aber hilft uns nicht unsere Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Die Produktion von Textilien hat hohe Umweltwirkungen und das Recycling sollte keine Ausrede sein, mit der die Mode- und Textilindustrie den hohen Konsum rechtfertigt.

Welche Rolle nimmt die Industrie bei der Umsetzung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft ein, und welche Rolle spielt der Verbraucher?
AM: Verbraucher und Verbraucherinnen können den Weg zu einer Kreislaufwirtschaft beeinflussen in dem sie sich informieren und Druck auf die Gesetzgebenden und die Industrie aufbauen. Wobei ich sagen muss, dass das mit dem Informieren nicht einfach ist. Das Thema ist unendlich komplex. Wir haben im Rahmen des Hochschulwettbewerbs 2020 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Instagramkanal aufgebaut, auf dem wir relativ leicht verständliche Texte und Fotos rund um biobasierte Textilien und Recycling posten: @sustainable_textiles. Darüber wollen wir auch Nicht-Wissenschaftler mit auf die Reise zu einer textilen Circular Economy nehmen.

LD: Die Industrie muss entlang der gesamten Prozessketten nachhaltige und wirtschaftliche Lösungen etablieren. Dazu müssen sich alle an einen Tisch setzen und zusammenarbeiten. Ein Schritt in diese Richtung stellt die Industry Research Group Polymer Recycling am ITA dar. In dieser IRG kommen namhafte Unternehmen aus allen Stufen der textilen Prozesskette zusammen, um sich zu informieren, Netzwerke zu schließen und innovative Lösungsansätze zu erarbeiten. Für mehr Informationen können Sie uns gerne kontaktieren.
Das Interview führte Mechthild Maas, Redakteurin TextileTechnology.net, mit Amrei Becker und Lukasz Debicki vom Institut für Textiltechnik (ITA) of RWTH Aachen University (ITA).

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