melliand Textilberichte 2/2022

Für weitere Informationen: www.oerlikon.com/polymer-processing Innovation beginnt mit Kreativität Als Pionier der Chemiefaserindustrie im Jahre 1922 gestartet, stets orientiert an den Leitsternen Innovation und Technologieführerschaft in einem globalen Marktumfeld – das sind wir, die heutige Oerlikon Barmag. Starker unternehmerischer Wille und unbändige Kreativität haben uns geprägt. Wir sind stolz auf all unsere Beschäftigen weltweit. Die kreative Nutzung ihres Erfahrungs- und Wissenspotenzials in enger Zusammenarbeit mit leistungsstarken Partnern, Lieferanten und Dienstleistern ist unser Schlüssel für nachhaltigen Erfolg. Wir setzen auf enge Kooperation mit unseren Kunden und bieten ihnen marktnahe Innovationen und Services. Diese basieren auf fachübergreifender und teamorientierter Entwicklungsarbeit sowie hochqualitativen Produktionsverfahren. In Zukunft werden wir auch weiterhin etablierte Prozesse immer wieder neu in Frage stellen und konventionelle Verfahren und Denkmuster aufbrechen. Denn Innovation beginnt mit Kreativität. Und diese fördern wir aktiv mit einer multikulturellen und offenen Unternehmenskultur. “Seit uber 100 Jahren inspirieren wir die globale Chemiefaserindustrie immer wieder aufs Neue durch disruptive und nachhaltige Innovationen.” Georg Stausberg CEO, Oerlikon Polymer Processing Solutions European Textile Journal melliand Textilberichte April D 5862 E 2 ON W LINE E ARE Unser digitales Zuhause textiletechnology.net Band- und Flechtindustrie mit

Live on stage: 3. Mai 2022 Steigenberger Airport Hotel, Frankfurt amMain Jetzt anmelden & Teilnahme sichern! Performed by: Sponsoren: Kim Maike Schäfer CECEBA Joachim Beer Dr. Bock Industries Heiko Schäfer HUGO BOSS AG Hubert Borghoff Group7 Jörn Otto bonprix INFORMATION & ANMELDUNG www.dfvcg-events.de/supply-chain-summit 15 Top Speaker: innen 9 Vorträge 1 Deep Dive Session

melliand Textilberichte 2/2022 41 MEINUNG Die Bilder und Nachrichten aus der Ukraine haben uns alle zutiefst getroffen. Undenkbares ist schreckliche Realität geworden: Krieg in Europa. Die humanitären und wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht absehbar. Zudem beeinflusst weiterhin die Corona-Pandemie die Gesellschaft und die globale Wirtschaft. Die Ukraine-Krise trifft die Wirtschaft mitten in der Erholung von der Covid-19-Pandemie. Die genauen Auswirkungen des Russland-Ukraine-Kriegs auf die deutsche und europäische Wirtschaft lassen sich noch nicht quantifizieren. Die europäische Industrie sieht sich seit Beginn der Corona-Pandemie vor 2 Jahren mit gestörten Lieferketten, ungewisser Energieversorgung und anderen Beeinträchtigungen des Kerngeschäfts konfrontiert, die sich nun durch die russischen Kriegshandlungen gegen die Ukraine wieder verstärkt haben. Viele Unternehmen sehen sich durch Lieferausfälle, Produktionsstörungen sowie die weitere Verteuerung von Energie, Rohstoffen und Materialien in ihrer wirtschaftlichen Erholung zurückgeworfen. Steigende Material- und Energiekosten haben erhebliche Auswirkungen auf die Produktpreise, die nur bedingt an die Kunden weitergegeben werden können. Die für 2022 erhoffte Rückkehr der Industrie zum Geschäftsniveau von vor der Covid-19-Pandemie rückt damit in weite Ferne. Seit Januar 2021 haben sich die Erdgaspreise in Deutschland verachtfacht und die Strompreise verfünffacht. Ein weiterer Anstieg der Energiekosten ist seit Kriegsbeginn zu verzeichnen. Viele Betriebe haben kaum noch finanziellen Spielraum oder stehen bereits wirtschaftlich mit dem Rücken an der Wand. Die Politik ist gefordert, kurzfristig einzugreifen. Eine spürbare Entlastung der mittelständischen Unternehmen bei den aktuellen Energiepreisen ist notwendig. Sollte Gas in Europa knapp werden, weil die Lieferungen aus Russland noch weiter eingeschränkt werden oder komplett ausfallen, könnte die Lage für energieintensive Unternehmen in der Textilindustrie noch viel dramatischer und existenzgefährdend werden. Es drohen in diesem Fall explodierende Energiepreise bei einem ohnehin historisch extrem hohen Preisniveau. Bei einer möglichen Störung der Gasversorgung in Deutschland müssten viele Unternehmen den Gasbezug einstellen. Dies hätte dramatische wirtschaftliche Folgen für die die gesamte Textilindustrie. Systemrelevante Unternehmen würden zwar weiter beliefert, doch auch sie wären betroffen – über ihre Zulieferer. Die Lieferketten würden dann vor einer bisher nicht da gewesenen Belastung stehen. Betroffen hiervon sind auch lebensrettende Lieferketten in Deutschland, wie z.B. Medizintextilien oder Schutzkleidung für die Bundeswehr und Polizei. Neben den dramatisch steigenden Energie- und Materialpreisen wirkt sich der Russland-Ukraine-Krieg in Sanktionen und gestörten Lieferketten auf die Wirtschaft aus. Die aktuelle Situation dürfte die Lieferengpässe in Deutschland und der EU weiter verschärfen. Viele Vorprodukte sind bereits wegen der Verwerfungen durch die Pandemie nur schlecht verfügbar oder fehlen sogar ganz. Der Krieg hat dieses Problem noch verschärft. Laut einer Umfrage des IVGT aus dem Februar 2022 fehlen den deutschen Textilunternehmen (weiterhin) Fasern (auch Glas- und Kohlenstofffasern), Garne, Baumwollgewebe, Vliesstoffe, Polyester, Polyacryl, Polyamid 6.6, para- und meta-Aramide, Canvas, Farbstoffe, Textilhilfsmittel/Chemikalien (Salzsäure und Natronlauge sind weiterhin am Markt knapp), Kunststoffgranulat, Klebstoffe, Kartonagen, Folien und Ersatzteile. Auch die Situation im Container-Seeverkehr bleibt angespannt und ist immer wieder geprägt von Verspätungen, knappen Transportkapazitäten und erheblich gestiegenen Preisen für Schiffstransporte. Containerschiffe vermeiden konfliktbedingt aktuell das Schwarze Meer und nehmen weniger direkte und deutlich zeitaufwändigere und kostspieligere Routen in Kauf. Zunehmende Frachtraten und Lieferzeiten aus Fernost sind die Folge. Hinzu kommen die strikten Covid19-Maßnahmen in China, die zu Produktionsunterbrechungen und teilweise zu vorübergehenden Schließungen einzelner Häfen führen. Ausgelöst durch die Situation in der Ukraine dürften sich die Lieferengpässe in Deutschland zusätzlich durch fehlende Lkw-Fahrer verschärfen. Fast die Hälfte der hier eingesetzten Lkw-Fahrer stammt aus Osteuropa, viele davon aus der Ukraine. Das verarbeitende Gewerbe und die entsprechenden Supply Chains werden die Auswirkungen der Pandemie und des Kriegs noch lange spüren. Es ist zu befürchten, dass die Wucht der stark preistreibenden Faktoren, wie Material- und Energiekosten und Engpässe bei den globalen Transportkapazitäten nicht so schnell überwunden werden. Vermutlich werden wir eine längere Phase der Unsicherheit erleben. Die sich hieraus ergebenden Herausforderungen sind groß, bieten jedoch auch Chancen zur Neugestaltung von Prozessen und Lieferketten. Dabei spielt auch das wachsende Bewusstsein in der Bevölkerung und der Wirtschaft für nachhaltige Produkte eine immer größer werdende Rolle. Die nachhaltige Ausrichtung der Lieferkette reift zu einem bedeutenden Wettbewerbsfaktor heran. Sozial und ökologisch erzeugte Waren werden stärker nachgefragt als je zuvor. Ich bin davon überzeugt, dass der Trend für umweltfreundlichere Produkte in der EU weiter zunimmt. Diese Krise kann daher auch eine Chance für die europäische Textilindustrie sein. Die Welt hat sich dramatisch verändert Michael Pöhlig Hauptgeschäftsführer Industrieverband Veredlung – Garne – Gewebe – Technische Textilien e.V. (IVGT), Frankfurt/Main

INHALT 42 melliand Textilberichte 2/2022 Meinung 41 Die Welt hat sich dramatisch verändert M. Pöhlig Textilwirtschaft 44 Konjunkturzahlen: positive Entwicklungen — aber Krieg wird Auswirkungen haben (textil+mode) 44 Usbekische Baumwolle ist rehabilitiert (Gesamtmasche) 45 Neue Lyocell-Produktion in Thailand(Lenzing) 44, 49 Umsatz und Ergebnisentwicklungen (Lenzing, Mayer & Cie., Oerlikon) 46, 47, 48, 51 Jubiläen (Mehler, Oeko-Tex, Oerlikon Barmag, STFI) 46, 48 Informationen zu Messen/Tagungen/ Konferenzen (ITMA, Techtextil, Texprocess) 49 VDMA: Vorstand neu gewählt 49 Verkauf der Stickerei-Sparte von Saurer an Lässer 50 Induktive Ladestation in der Bekleidung (HS Reutlingen) 50 Studiengang Innovative Textilien und Sustainable Textiles (HS Hof) 2 melliand Textilberichte European Textile Journal April 2022 Jahrgang 103 Fasern/Garne 52 Modifizierung von PLA durch reaktive Extrusion für industrielle Faseranwendungen C. Burgstaller, S. Riepler 54 Nerven heilen auf Spinnenseide (Universität Bayreuth) 55 Aktuelle Herausforderungen und Lösungen für das Recycling (gemischter) synthetischer Textilien A. Becker et al. 58 Holzbasierte Cellulosefasern im Licht der Single-Use Plastics Directive A. Russler 59 Die Wissenschaft des Spulens (SSM) 60 Numerisches Modell zur Untersuchung des Garns im Falschdrahttexturieraggregat M. Schmitz, T. Gries 62 Proteinbasierte Kunststoffe (CIAC) Garnherstellung 63 Verschleißmonitoring — Online-Überwachung des Verschleißes von Krempelgarnituren K. Heilos, H. Fischer, D. Thal, A. Faasen

melliand Textilberichte 2/2022 43 INHALT Band- und Flechtindustrie 65 Innovative verzweigte Koronarstents für die Behandlng koronarer Bifurkationsläsionen R.T. Kocaman et al. 69 Geflechte für Automotive (Jumbo-Textil) 70 Produkt-zu-Produkt-Recycling am Beispiel eines Kletterseils L. Debicki, M. Strozyk, A. Hoffmann et al. Weberei 73 Eingeklebte Maillons und Hochleistungs-Dreherweben B. Götz Maschenindustrie 75 Auxetische Gestricke R. Milautzcki, F. Ficker 78 3D-Schlauchstrukturen mit längsvariabler Querschnittsgeometrie Q. Bollengier et al. Textilindustrie 81 Nachhaltige Textilfasern für Bekleidung, Leichtbau und urbane Begrünung (TITK) 88 Interview mit T. Wagner: Greenwashing — Was ändert das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz daran? Textilveredlung 83 Der Weg zur CO2-Neutralität in der Textilveredlung A. Pieper Bekleidungsindustrie 85 Reihenmessung bei der Bundeswehr (Avalution) 85 35 % Auftragsplus in 2021 (VDMA TFL) 86 Gemeinsame Lösungen für die Kreislaufwirtschaft (Cibutex) 86 Exporte für deutsche Bekleidung steigen (GermanFashion) 87 Neue Garne aus alten Pelzmänteln (HS Niederrhein) 47, 48, 50, 77 Management 82 Kalender 87 Firmenverzeichnis / Impressum

TEXTILWIRTSCHAFT 44 melliand Textilberichte 2/2022 Lenzing Umsatz und Ergebnis deutlich verbessert Aufgrund ihres strategischen Fokus auf holzbasierte Spezialfasern und des überwiegend positiven Marktumfelds verzeichnete der Cellulosefaserhersteller Lenzing AG, Lenzing/Österreich, im Geschäftsjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr eine deutlich verbesserte Umsatz- und Ergebnisentwicklung. Der Umsatz im Jahr 2021 konnte um 34,4 % auf 2,19 Mrd. € gesteigert werden. Der zunehmende Optimismus in der Textil- und Bekleidungsindustrie sorgten insbesondere zu Beginn des Berichtsjahres für einen starken Anstieg der Nachfrage und Preise am globalen Fasermarkt. Das EBITDA (Betriebsergebnis vor Abschreibungen) stieg von 192,3 Mill. € im Jahr 2020 auf 362,9 Mill. €. Die EBITDAMarge stieg von 11,8 % auf 16,5 %. Im Fokus der Maßnahmen stand 2021 das Thema Nachhaltigkeit – die Gruppe wurde weltweit mehrfach als NachhaltigkeitsChampion ausgezeichnet und ist eines von 14 Unternehmen mit AAA-Rating durch CPD. Die Investitionen stiegen 2021 um 26,3 % auf 844,3 Mill. €. Der starke Anstieg des Investitionsvolumens ist insbesondere auf die Umsetzung der Schlüsselprojekte in Brasilien und Thailand zurückzuführen. In Thailand wurde eine neue hochmoderne Lyocellanlage mit einer Nennkapazität von 100.000 t/Jahr errichtet. Das Investitionsvolumen liegt bei etwa 400 Mill. €. In Brasilien wird gemeinsam mit dem Partner Dexco (vormals Duratex) das größte Zellstoffwerk seiner Art mit einer Nennkapazität von 500.000 t/Jahr errichtet, wobei Lenzing 51 % am Joint Venture hält. Die Bauarbeiten schritten trotz der Herausforderungen in Bezug auf COVID-19 auch im Berichtsjahr planmäßig voran. Die Inbetriebnahme ist daher unverändert für das 1. Halbjahr 2022 geplant. Die erwarteten Baukosten liegen bei 1,38 Mrd. US$. Darüber hinaus investiert Lenzing mehr als 200 Mill. € in die Produktionsstandorte in China und Indonesien, um bestehende Kapazitäten für Standardviskose in Kapazitäten für umweltverträgliche Spezialfasern umzuwandeln. In Nanjing arbeitet Lenzing an der Konvertierung einer Linie auf Tencel-Modalfasern. Das Portfolio des chinesischen Faserwerks wird damit ab Ende 2022 komplett aus Spezialfasern bestehen. Im Zuge der Investition in Purwakarta wird die gesamte Viskoseproduktion auf die Standards des EU Ecolabel gebracht. Der Standort wird damit ab 2023 zum reinen Spezialviskose-Anbieter. Gesamtmasche Usbekische Baumwolle ist rehabilitiert Die Cotton Campaign beendet ihren langjährigen Boykottaufruf für usbekische Baumwolle. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) berichtet schon seit mehreren Jahren positiv zur usbekischen Baumwollernte. Bereits seit 2011 gewährt die EU dem Land sogar zollfreien Marktzugang und honoriert damit Usbekistans besondere Anstrengungen im Sozial- und Umweltbereich. Für die deutsche Textilbranche ist laut Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie e.V. (Gesamtmasche), Stuttgart, das Ende des Boykotts eine gute Nachricht. Der Handel mit usbekischen Baumwollprodukten war zwar nie sanktioniert. Doch seit 2009 hatten insgesamt 331 international tätige Marken und Einzelhändler ein „Baumwollversprechen“ der NGO unterzeichnet. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Genf/Schweiz, spornt indessen internationale Hersteller an, sich in dem Land zu engagieren, denn inzwischen gilt Usbekistan als nachhaltige Beschaffungsalternative zu China. Die ILO attestiert Usbekistan, dass die Baumwollernte frei von Kinder- und Zwangsarbeit abläuft. Seit April 2021 gewährt die Europäische Union Usbekistan zollfreien Marktzugang durch den Sonderstatus „GSP+”. Diesen erhalten nur Entwicklungsländer, die erwiesenermaßen 27 internationale Konventionen in den Bereichen Arbeit, Soziales, Umwelt und Menschenrechte umgesetzt haben und auch einhalten. Herbst hinein immer optimistischer wurden. Mittlerweile zeigen die Indikatoren wieder etwas nach oben, nicht nur beim verarbeitenden Gewerbe insgesamt, sondern auch bei Textil und Bekleidung ist die Stimmungslage am Anfang des Jahres 2022 wieder im langjährigen Durchschnitt. Auch hier dürfte die Stimmungslage in der nächsten Zeit aber aufgrund des Ukraine-Kriegs leiden. Im März 2022 gab in einer Umfrage des Gesamtverbandes textil+mode ein Viertel der Unternehmen der deutschen Textilund Bekleidungsindustrie an, dass sie sich aufgrund der Belastungen durch die stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise in ihrer Existenz bedroht sehen. textil+mode Positive Entwicklung, aber Krieg wird Auswirkungen haben Die Konjunkturzahlen des Jahres 2021 der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie und die aktuellen Perspektiven stehen unter dem Eindruck der Krisenüberwindung. Allerdings basieren diese Einschätzungen auf der Zeit vor dem UkraineKrieg. Dieser wird in den kommenden Monaten Spuren hinterlassen. Auch jenseits der Kriegsfolgen sind die Schwierigkeiten der vergangenen 2 Jahre noch nicht überwunden. 2021 stiegen die Umsätze in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie trotz einer Schwäche im Herbst 2021 um 5,5 % auf 15,5 Mrd. € an. Dabei erreichte der Bereich Textil ein deutliches Umsatzplus von 6,9 % auf 10,3 Mrd. €, während Bekleidung um 3,0 % auf 5,2 Mrd. € im Vergleich zum Vorjahrzeitraum. Die aktuelle Umfrage des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V. (textil+mode), Berlin, zu Anfang des Jahres 2022 wurde vor der Ukraine-Invasion abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Wesentlichen der Befund einer voranschreitenden Konjunkturerholung bestätigt. Insbesondere der Export bietet demnach Anlass zu Optimismus. Während Textil aufgrund einer Konjunkturdelle unmittelbar vor der CoronaKrise 2019 noch nicht ganz auf dem Vorkrisenniveau angekommen ist, zeigt der Konjunkturklimaindex für Bekleidung, dass die Unternehmen von einem Ende der Krise ausgehen. Der ifo-Geschäftsklimaindex hat sich bis zum Sommer des Jahres 2021 stetig verbessert. Danach kühlte sich der bis dahin herrschende Optimismus in der Industrie allgemein und auch bei Textil spürbar ab, während die Unternehmen der Bekleidungsindustrie noch bis weit in den

TEXTILWIRTSCHAFT parallel zu: Erleben Sie die Zukunft. Beyond innovation. techtextil.com Frankfurt am Main 21. – 24. 6. 2022 melliand Textilberichte 2/2022 45 Lenzing Start der neuen LyocellProduktion in Thailand Die Lenzing Gruppe hat ihr Ausbauprojekt einer neuen Produktionsstätte für Lyocellfasern in Thailand abgeschlossen. Die neue Produktionsanlage, die mit einer Kapazität von 100.000 t/Jahr die weltweit größte ihrer Art ist, hat die Produktion planmäßig aufgenommen und trägt dazu bei, die wachsende Nachfrage der Kunden nach Lyocellfasern der Marke Tencel noch besser zu bedienen. Der Bau der Anlage in Prachinburi/Thailand – ca. 150 km nordöstlich von Bangkok gelegen – begann im 2. Halbjahr 2019 und verlief trotz der Herausforderungen durch die Covid-19-Pandemie weitestgehend nach Plan. Die Investitionen beliefen sich auf rund 400 Mill. €. Die Lenzing AG, Lenzing/Österreich, wird ihre Produktionskapazitäten für Lyocellfasern weiter ausbauen. Dies steht im Einklang mit der sCore-TEN-Strategie, die darauf abzielt, 75 % des Faserumsatzes bis 2024 mit ökologisch nachhaltigen Spezialfasern, besonders mit Fasern der Marken Tencel, Lenzing, Ecovero und Veocel, zu erwirtschaften. Der Standort in Thailand bietet Platz für gleich mehrere Produktionslinien. Die Investition in der ersten Phase umfasst bereits die allgemeine Infrastruktur, die für eine künftige Erweiterung von Nutzen ist. Lenzing wird jedoch weiterhin nach Möglichkeiten suchen, die Lyocellproduktion auch in anderen Teilen der Welt auszubauen. Für die Herstellung von Fasern aus Holz ist das Lyocellverfahren das modernste seiner Art. Es wird seit rund 30 Jahren großtechnisch erfolgreich eingesetzt und ist besonders umweltschonend. Die Idee dahinter ist, dass der Faserzellstoff ohne jegliche chemische Veränderung in einem geschlossenen Verfahrenskreislauf gelöst und verarbeitet wird. Ziel Klimaneutralität Die Lenzing Gruppe legte sich 2019 strategisch fest, ihre Treibhausgasemissionen pro t Produkt bis 2030 um 50 % zu reduzieren. Das Ziel für 2050: Klimaneutralität. Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur kann der Standort in Thailand mit nachhaltiger biogener Energie versorgt werden und so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Zusammen mit einem wichtigen Projekt in Brasilien und den erheblichen Investitionen an den bestehenden Standorten in Asien setzt Lenzing derzeit mit über 1,5 Mrd. € das größte Investitionsprogramm der Unternehmensgeschichte um.

TEXTILWIRTSCHAFT 46 melliand Textilberichte 2/2022 Oeko-Tex Seit 30 Jahren für Nachhaltigkeit und im Einklang mit den SDGs Die Vision der Oeko-Tex Association, Zürich/Schweiz, die im März 1992 durch die Hohenstein Institute, Bönnigheim, und das Österreichische Textil-Forschungsinstitut (OETI), Wien, gegründet wurde, wird bis heute in den 3 Kernwerten der Organisation widergespiegelt: Vertrauen, Sicherheit und Nachhaltigkeit. 20 Jahre, bevor die Vereinten Nationen die Entwicklung der Sustainable Development Goals (SDGs; Ziele für nachhaltige Entwicklung) beschlossen, brachte OekoTex den Standard 100 by Oeko-Tex auf den Markt, der 1992 in Kraft trat und heute als bekanntestes Label für Produktsicherheit gilt. Dieser ging aus dem vom OETI 1989 entwickelten Test- und Zertifizierungssystem Schadstoffgeprüft nach ÖTN 100 hervor, das aufgrund des zunehmenden öffentlichen Interesses an Textilökologie und Gesundheit entwickelt wurde. Die dem Standard 100 by Oeko-Tex zugrunde liegenden Grenzwerte und Prüfmethoden sind heute international standardisiert und werden mindestens einmal jährlich an neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Gesetzgebungen angepasst – eine Methode, die auf alle OekoTex-Standards angewandt wird. Dabei spielen die SDGs, die 2016 in Kraft traten, heute ebenfalls eine Rolle. Mindestens 7 Ziele sind dauerhaft im Produktportfolio von Oeko-Tex verankert. Dazu zählen zum Beispiel Gesundheit & Wohlergehen (SDG 3) und Sauberes Wasser & Sanitäreinrichtungen (SDG 6), welche sich unter anderem in der Betriebsstätten- Zertifizierung STeP by Oeko-Tex widerspiegeln, oder auch Nachhaltiger Konsum & Produktion (SDG 12) sowie Klimaschutz und Anpassung (SDG 13), die durch das umfassende Produktlabel Made in Green by Oeko-Tex umgesetzt werden. Heute besteht der internationale Zusammenschluss aus 17 unabhängigen Forschungs- und Prüfinstituten auf dem Gebiet der Textil- und Lederökologie mit Kontaktbüros in über 60 Ländern. Sie sind für die gemeinschaftliche Entwicklung der Prüfmethoden und Grenzwerte der OekoTex-Standards verantwortlich und führen entsprechende Laborprüfungen bzw. Betriebs-Audits nach weltweit einheitlichen Richtlinien durch. Der Gründungsgedanke, verantwortungsbewusste Entscheidungen zu ermöglichen, um unseren Planeten für zukünftige Generationen zu bewahren, hat im Laufe der vergangenen 30 Jahre eine immer dringlichere Bedeutung erhalten. Und so entwickelt Oeko-Tex auch weiterhin umfassende Lösungen, um Industrie und Verbrauchern bei den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte als vertrauensvoller Partner zur Seite zu stehen: Neben dem im Januar des Jubiläumsjahres eingeführten Impact Calculator, der STeP-byOeko-Tex-zertifizierte Produktionsstätten dabei unterstützt, ihre CO2-Emissionen und ihren Wasserverbrauch zu reduzieren, wird die Organisation in der Mitte des Jahres einen Service launchen, der Unternehmen die Umstellung auf die bevorstehenden Sorgfaltspflichtengesetze (Due Diligence Laws) erleichtern soll. Techtextil/Texprocess Vielfältige Innovationen mit Fokus auf Nachhaltigkeit Vom 21.-24. Juni 2022 trifft sich wieder die internationale Branche der technischen Textilien und Vliesstoffe sowie der Verarbeitung textiler und flexibler Materialen auf der Techtextil und Texprocess in Frankfurt/M. Mehr als 1.000 internationale Aussteller werden ein breites Angebot an Neuentwicklungen in allen Produktund Anwendungsbereichen präsentieren und freuen sich nach einer dreijährigen Pause auf den persönlichen Austausch. Die beiden Messen warten mit zahlreichen Highlights, wie dem neuen internationalen Start-up-Areal, der Denim Future Factory sowie den Walk-in-Foren und Innovation Awards mit Nachhaltigkeitsfokus auf. Diskussionen und Vorträge zu hochaktuellen Themen, innovative textile Neuheiten und nachhaltige Ansätze stehen im Mittelpunkt der internationalen Leitmessen. Stark vertreten sind auf der Techtextil u.a. die Angebote für die Anwendungsbereiche Bau, Mobilität, Gesundheit, Schutz sowie Bekleidung für Sport, Medizin und funktionale Bekleidung. Auf der Texprocess finden sich neue Maschinen, Anlagen, Verfahren und Dienstleistungen für die Verarbeitung von Bekleidung und Textilien aus unterschiedlichen Produktgruppen wie CAD/CAM, Cutting, Textilveredlung, Näh- und Stickereitechnik oder Produktaufbereitung und Finishing. Wichtige Aspekte sind dabei u.a. Digitalisierung und Effizienzsteigerungen. Fokusthema Nachhaltigkeit Mit Sustainability@Techtextil und Sustainability@Texprocess zieht sich das Thema Nachhaltigkeit durch alle Bereiche der Techtextil und Texprocess. Erstmals können Aussteller sowohl bereits zertifizierte als auch bislang nicht zertifizierte nachhaltige Produkte zur Prüfung durch eine unabhängige internationale Jury einreichen. Nach erfolgreicher Analyse werden Aussteller mit nachhaltigen Angeboten auf den Messen kenntlich gemacht. So werden etwa Techtextil-Aussteller mit innovativen und nachhaltigen Fasern, Garnen und Geweben sowie neuartigen Verfahren oder Texprocess-Aussteller mit neuen Schnitttechnologien, wasserschonenden Färbeverfahren und weiteren zukunftsorientierten Verarbeitungstechnologien erwartet. Zusätzlich diskutiert die Industrie nachhaltige Verarbeitungstechnologien und Textilinnovationen in den Walkin-Konferenzformaten beider Messen: Techtextil-Forum und Texprocess-Forum. Erstmalig bieten Techtextil und Texprocess 2022 eine digitale Ergänzung an: Aussteller und Besucher können sich sowohl vor Ort in Frankfurt als auch virtuell treffen und sich in ergänzenden Formaten austauschen. Parallel wird zudem das Heimtextil Summer Special, die internationale Leitmesse für Wohn- und Objekttextilien, aus sowie das D2C Neonyt Lab (24.-26. Juni 2022), die Trendplattform Mode, Nachhaltigkeit und Innovation, ausgerichtet. Zeitgleich (20.-26. Juni 2022) findet die Frankfurt Fashion Week statt. Aussteller und Besucher profitieren somit von der Abbildung der gesamten textilen Wertschöpfungskette auf dem Messegelände und in der Stadt Frankfurt/M.

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